Interview: 30 Jahre QBB

 

Interview: 30 Jahre QBB
„Die größten Grabenkämpfe sind ausgestanden!“

Am 29. März 2015 begeht die erste und älteste Baumpflegevereinigung Deutschlands ihr 30jähriges Jubiläum. Für die Qualitätsgemeinschaft Baumsanierung und Baumpflege (QBB) ein Anlass, auf die Gründerjahre zurückzublicken, das Erreichte zu bewerten und einen Blick in die Zukunft zu wagen. Im Gespräch: Hans-Hermann Stöteler, 2. Vorsitzender, und Dietrich Kusche, langjähriger Vorsitzender und Geschäftsführer der QBB. Zwei Männer der ersten Stunde, die gemeinsam mit sieben weiteren Kollegen 1985 die Gütegemeinschaft Baumpflege (später QBB) aus der Taufe hoben. Und Hans Rhiem, seit 2009 erster Vorsitzender der QBB voll von visionärem Tatendrang.

Gesprächsleitung: Antje Kottich, Pressereferentin des Fachverbandes Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Schleswig-Holstein.


Zusammentreffen der Baumpflege-Pioniere: Dietrich Kusche, Hans-Hermann Stöteler und Hans Rhiem lassen im Gespräch mit Antje Kottich 30 Jahre QBB Revue passieren. (Foto:Pein)

Am 29. März wird die QBB 30 Jahre alt. Dies veranlasst zu W-Fragen: Wie und mit wem fing alles an? Und warum gibt es die QBB überhaupt?

Kusche: Dass es die QBB gibt, haben wir indirekt der Oberfinanzdirektion Stuttgart zu verdanken.

Wie das?

Kusche: Es gab damals, Anfang der 1980er Jahre, keine geregelte Baumpflege. Also keine Qualitätsstandards und Richtlinien, nach denen gearbeitet wurde. Die wenigen Baumpflegebetriebe haben Baumpflege so angeboten, wie es ihrer Überzeugung nach optimal war. Je größer aber, vor allem auf kommunaler Ebene, die Nachfrage nach Baumpflegearbeiten wurde, desto wichtiger war es den Auftraggebern, vergleichbare Angebote zu bekommen.

Stöteler: Und es war die Oberfinanzdirektion Stuttgart, die als sehr großer Auftraggeber die damals namhaften Baumpflegeunternehmen an einen Tisch holte. Mit dem Ziel, ein technisches Regelwerk zu entwickeln, das allgemeingültige Aussagen darüber trifft, wie mit dem Baum umzugehen ist. Nach diesem Regelwerk sollte genormt ausgeschrieben werden.

Kusche: Da sagte der Zuständige von der OFD zu uns: „Nun einigt euch mal. Wie muss Baumpflege aussehen?“ Dabei saßen da Leute am Tisch, die sich nicht unbedingt gern mochten. Wir Baumpfleger standen in einem sehr harten Wettkampf zueinander. Und nun waren wir sozusagen gezwungen, zusammenzuarbeiten, um unsere Auftraggeber zufriedenzustellen.

Und das Ergebnis des Ganzen?

Stöteler: War im Dezember 1981 die erste ZTV Baumpflege. Also die Geburt des Regelwerkes, das noch heute Begriffe, Anforderungen und Leistungen der Baumpflege definiert, Vertragsgrundlage für die Vergabe von Aufträgen ist und als Grundlage für die Kontrolle ausgeführter Leistungen dient.

Kusche: Und hier, im Kreis von Experten aus vielen Fachrichtungen, nahm die QBB ihren Anfang.

Sie meinen, weil sie sowieso schon damit begonnen hatten, sich zu einigen, haben Sie beschlossen, gemeinsam weiterzumachen?

Kusche: Naja, man hatte sich ja kennengelernt und gemerkt, dass es nichts bringt, nur ein genormtes Regelwerk zu haben. Es musste auch Unternehmen geben, die Baumpflege verlässlich und qualitativ hochwertig gemäß diesen Richtlinien anbieten. Das war die Grundidee der QBB: Wir schließen uns zusammen, sprechen eine Sprache und garantieren den Auftraggebern, dass unsere Mitglieder normgerechte Baumpflege gemäß der ZTV Baumpflege ausführen.

Rhiem: Diese Idee leben wir bis heute. Unter anderem, indem wir alle vakanten Neumitglieder von einer Prüfungskommission kontrollieren lassen, die sicherstellt, dass die qualitativen und fachlichen Standards der QBB eingehalten werden. Außerdem schulen wir die Mitarbeiter der Mitgliedsfirmen regelmäßig.

Haben Sie sich deshalb zunächst Gütegemeinschaft Baumpflege genannt? Weil Sie ein Gütesiegel schaffen wollten?

Kusche: Ja, das war die Idee dahinter. Aber der Begriff „Gütezeichen“ war der RAL vorbehalten, und somit mussten wir uns aus juristischen Gründen umbenennen. So wurde im März 1985 die Gütegemeinschaft, später Qualitätsgemeinschaft Baumsanierung und Baumpflege aus der Taufe gehoben.

Wer waren die Gründungsmitglieder?

Rhiem: Das waren neun damals führende Baumpflegeunternehmen in Deutschland. Die Firmen Kusche und Frotscher Berliner Baumdienst, Berlin, Maurers Baumpflege, Röthenbach, Manfred Bayer, Essen, Hermann Stöteler GmbH, Ahaus, Baumchirurgie Bollmann, Ellerau, Klaus Hildebrandt GmbH, Hamburg, Osbahr GmbH, Uetersen, August Fichter, Dreieich, sowie Robert Keller, Kriftel.

Sie hatten also die ZTV Baumpflege – und natürlich die Bäume und Ihren gemeinsamen Willen, die Baumpflege voranzubringen und sich durch garantierte, einheitliche Qualität von der Konkurrenz abzuheben. War es auf dieser Grundlage schwer, der QBB das Laufen zu lehren? Gab es Zankereien, oder waren sich alle grün?

Kusche: Der Anfang war schwer, aber dann waren wir uns ziemlich schnell einig, weil wir ja alle dasselbe Ziel hatten.

Stöteler: Wir wollten uns geschlossen präsentieren und eine gemeinsame Linie verkörpern, aber dennoch Konkurrenten bleiben. Das war auch möglich, da unsere Betriebe ja im ganzen Bundesgebiet verstreut waren. Unsere gemeinsame Richtlinie, die ZTV Baumpflege, wird ja bis heute, inzwischen unter der Federführung der FLL, ständig weiterentwickelt. Unter anderem unter Mitwirkung der QBB.

Wie reagierte denn die Fachwelt auf die QBB? Man munkelt, es hätte damals Spitznamen wie „Kauschen Kusche“ für die Pioniere der QBB gegeben. Wer hat diese erfunden?

Kusche: Den habe ich damals nicht zu hören bekommen (lacht).

Rhiem: Doch, es gab so etwas (lacht). Aber diese Dinge sind erst später entstanden. Die Baumpflege wuchs ja immer mehr, vor allem im Zuge von Richtlinien wie der Verkehrssicherheitspflicht. Mit dem wachsenden Bedarf an Baumpflegern, aber auch durch die staatlich anerkannten Fortbildungen zum Fachagrarwirt für Baumpflege und zum European Tree Worker drängten immer mehr neue, meist kleinere Firmen in die Baumpflege. Diese wollten sich von den etablierten QBB-Mitgliedern absetzen. In den 1990er Jahren entstanden so neue Strömungen wie der Verein „Neue Baumpflege“ oder der Fachverband geprüfter Baumpfleger. Deren Mitglieder sind vielfach Einzelunternehmer, die eine sehr individuelle Philosophie verfolgen. Da kam es natürlich zu Reibereien zwischen den Pionieren der Baumpflege und den „Newcomern“.

Zwischen den Mammutbäumen und den Jungbäumen sozusagen.

Rhiem: Sozusagen, ja (lacht). Aber im Ernst: Es ist natürlich leicht zu kritisieren, wenn bereits alles in trockenen Tüchern ist. Die kritischen Anmerkungen stammen ja aus der Baumchirurgie, die vor der modernen Baumpflege Usus war. Natürlich war nicht alles richtig, was damals getan wurde. Aber ohne die Fehler, die damals begangen worden sind, wüssten wir es heute nicht besser. Vielleicht ständen aber auch viele Naturdenkmale nicht mehr ohne die alte Baumchirurgie. Und es waren die Gründungsmitglieder der QBB, die viel Pionierarbeit geleistet und sich dafür engagiert haben, dass sich die Baumpflege weiterentwickelt. Ohne diese Betriebe wären wir heute nicht da, wo wir sind. Das sollte die junge Baumpfleger-Generation anerkennen.

Was sind denn Ihrer Meinung nach die größten Verdienste der QBB?

Rhiem: Die QBB hat seit ihrer Gründung alles unterstützt, was die Baumpflege vorangebracht hat. Von der Wissenschaft und Forschung über die grundlegenden Regelwerke und Qualitätsstandards bis hin zur Weiterentwicklung der Ausbildung, der Arbeitstechniken und der Arbeitssicherheit. Wir waren und sind überall maßgeblich vertreten. Das gesamte Engagement ist ehrenamtlich. Nur ein Beispiel: Seit Jahren unterstützen einige QBB-Mitgliedsfirmen die Berliner Beuth-Hochschule bei ihren Schnittversuchen an Platanen auf dem Kurfürstendamm. Sie stellen hierfür Personal und Maschinen kostenlos zur Verfügung.

Stöteler: Ebenfalls erwähnenswert ist meiner Ansicht nach die Gremienarbeit. Die QBB ist in vielen nationalen und internationalen Gremien vertreten, die sich mit Baumpflege beschäftigen – und hat sie sogar in vielen Fällen mitbegründet. Unsere ehrenamtlichen Tätigkeiten bekommen wir in Form von neuen Erkenntnissen belohnt, die wir frühzeitig in unseren Unternehmen umsetzen können. Dadurch profitieren wir als Mitglieder der QBB.

Rhiem: An dieser Stelle möchte ich gern erwähnen, dass gerade in der internationalen Gremienarbeit die QBB dir, Dietrich, sehr viel zu verdanken hat. Du warst immer in allen internationalen Ausschüssen präsent und auch maßgeblich an der Gründung des European Arboricultural Council beteiligt. Aus diesen Initiativen sind ja letztendlich auch die Fortbildungen zum European Tree Worker und zum European Tree Technician entstanden. Und es gelangte viel internationales Wissen nach Deutschland

Wo wir gerade bei Gremien sind: Die QBB ist zwar die erste, aber inzwischen ja keinesfalls mehr die einzige Vereinigung, die sich in Deutschland mit dem Bereich Baumpflege beschäftigt. In diesem Metier tummeln sich inzwischen viele Verbände, Arbeitskreise und Institutionen. Der Großteil ist in der im Jahr 1996 - übrigens auch unter Beteiligung der QBB - gegründeten Interessensgemeinschaft Deutsche Baumpflege (IDB) vereint. Kann man da den Wald vor lauter Bäumen noch sehen?

Kusche: In der QBB sind aktuell 23 größere Unternehmen organisiert, die bestimmte qualitative und personelle Standards erfüllen. Neben der QBB gibt es in Deutschland zum Beispiel den bereits erwähnten Verein „Neue Baumpflege“ und den Fachverband der geprüften Baumpfleger.

Rhiem: Und dann sind da natürlich noch die Arbeitskreise, die wissenschaftlichen Institute, die Fortbildungsstätten etc.

Und wie läuft die Kommunikation – auch in der IDB? Immerhin haben die Mitglieder der IDB ja am 12. Juli 2011 bei ihrer Tagung verkündet, künftig geschlossener aufzutreten und Synergien verstärkt nutzen zu wollen.

Rhiem: Unser Ziel ist es, Gräben zuzuschütten und mit allen Gruppierungen und Strömungen produktiv zusammenzuarbeiten. Hier sind wir meiner Ansicht nach schon ein großes Stück weitergekommen. Die größten Grabenkämpfe gehören, so empfinde ich es, inzwischen weitgehend der Vergangenheit an. Wir nutzen die IDB erfolgreich als Plattform, um miteinander ins Gespräch zu kommen, uns fachlich auszutauschen und gemeinsame Linien zu entwickeln. Zum Beispiel, wenn es um Artenschutz geht. Das funktioniert zwar nicht immer reibungslos, aber meistens sehr gut!

Kusche: So auch bei der Überarbeitung der ZTV Baumpflege. Hier sind die anderen Verbände ja auch mit an Bord. Und die Zusammenarbeit ist sehr positiv.

Das klingt doch gut! Immerhin gibt es ja auch in der Gegenwart viele Hürden, die es gemeinsam zu nehmen gilt. Herr Rhiem, was gibt es aktuell zu tun?

Rhiem: Ein ganz wesentlicher Bereich, der uns bewegt, obwohl die QBB hier schon sehr viel erreicht hat, ist die Fachkräftesicherung durch eine qualitativ hochwertige Fort- und Weiterbildung. Auch und gerade heute müssen die Mitgliedsbetriebe der QBB sich durch eine qualitativ hervorragende Arbeit positiv absetzen. Und diese Qualität können wir nur durch qualitativ hochwertiges Personal erreichen.
Ebenfalls ein sehr brisantes Thema ist die Arbeitssicherheit. Viele große Unternehmen sind gerade dabei, als Auflage der Industrie ein Arbeitssicherheitsmanagementsystem zu installieren. Wir müssen beobachten, dass dies mit sehr viel Kosten, Arbeit und vor allem Komplikationen verbunden ist. Aber die QBB-Firmen sind dabei, Lösungen zu entwickeln, um die Anforderungen zu erfüllen. Kleinere Firmen, die nicht über die personellen und finanziellen Ressourcen verfügen wie große Baumpflegebetriebe, können dies nicht leisten, was sehr bedauerlich ist.
Ein Thema, das seit einigen Jahren aktuell ist und uns mit Sicherheit noch mehrere Jahre beschäftigen wird, ist der Artenschutz. Die QBB hat sich auf die Fahnen geschrieben, gemeinsam mit vielen Partnern einen Leitfaden zu erstellen, der den Baumpfleger darüber informiert, wie er auf Basis der aktuellen Gesetzeslage den Artenschutz am Baum handhaben soll und kann. Das ist schwierig, da das Bundesnaturschutzgesetz nicht alle Fälle bis ins kleinste Detail regeln kann und es unterschiedliche Auslegungen einzelner Vorschriften gibt.
Langweilig wird uns also nicht, und die QBB ist weiterhin auf vielen Ebenen gefragt. Wir freuen uns daher auf weitere 30 Jahre voll spannender, bahnbrechender Entwicklungen in der Baumpflege!